Mittwoch, 18. Mai 2016

Irreführende Klappentexte?

Quelle: pixabay.com
Obwohl ich in letzter Zeit nicht viel über das Lesen geschrieben habe: Ich lese. Ziemlich viel sogar. Nicht nur Fantasy oder SciFi, vor allem Krimis oder Thriller. Oder Young Adult. Oder Bücher, die ich seit Ewigkeiten lesen wollte. Unter anderem „NOIR“ von Jenny-Mai Nuyen und „Wen der Rabe ruft“ von Maggie Stiefvater. Sie beide sind im Genre Fantasy angesiedelt, aber sie haben auch noch eine andere Sache gemeinsam: Ihr Klappentext ist, meiner Meinung nach, irreführend. Man erwartet gewisse Dinge, man erwartet, dass der Fokus auf Sachen liegt, die im Klappentext erwähnt werdenUnd was passiert? Pustekuchen. 
Ein total anderes Buch als erwartet. Viele von euch sagen jetzt sicherlich: Das ist doch gut, wenn man überrascht wird.
Jein.
Ich habe mich sehr auf diese Bücher gefreut, wegen der Grundidee, die im Klappentext erwähnt wurde. Und das, was mich im Buch erwartet hat, hat mich enttäuscht. Und zwar auf ganzer Linie.
Aber beginnen wir ganz am Anfang.

Was ist ein Klappentext und was ist seine Aufgabe?
„Als Klappentext wird ein auf den Einschlagklappen eines Schutzumschlags stehender Text bezeichnet. Üblich sind eine kurze, werbende Zusammenfassung des Buchinhalts (meist auf der vorderen Einschlagklappe) (...).“ Quelle: wikipedia.de

Das bedeutet, der Inhalt des Buches wird so knapp wie möglich zusammengefasst, ohne zu viel von der Handlung zu verraten. Der Klappentext ist, neben dem Cover, oft das Erste, was der Leser von einem Buch zu sehen bekommt. Er kann entscheiden, ob das Buch gekauft und gelesen wird oder eben nicht.



Was sollte ein Klappentext NICHT?
Er sollte nicht den kompletten Inhalt des Buches verraten. Wichtige Handlungsstränge, die erst aus der vorherigen Handlung resultieren, sollten nur ansatzweise skizziert werden, sonst ist die Überraschung beim Lesen weg. Wenn ich Bücher kaufe ist mir außerdem wichtig, dass der Klappentext nicht nach Schema F aufgebaut ist: Schüchternes Mädchen A trifft auf geheimnisvollen Jungen B und die beiden fühlen sich irgendwie verbunden. Auch, wenn das im Buch womöglich zutrifft, möchte ich wissen, was das Buch besonders macht und von den typischen Liebesromanzen abhebt.

Analysieren wir jetzt die Klappentexte der beiden Romane. Am Ende werde ich zumindest bei „Wen der Rabe ruft“ noch den originalen, englischen Klappentext hinzuziehen.

NOIR – Jenny-Mai Nuyen
„Nino Sorokin ist dabei, als der Unfall geschieht. Seine Eltern sterben, ihm bleibt eine besondere Gabe: Er sieht den Tod eines jeden Menschen voraus. Auch den eigenen. Von nun an ist er besessen von der Frage, wie man das Schicksal überlisten kann. Er weiß, er wird nur 24 Jahre alt – und sein Geburtstag rückt immer näher. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Ninos Suche führt ihn zu einem geheimen Zirkel von Mentoren, die Seelen sammeln. Und er begeht den größten Frevel, den der Zirkel kennt: Er verliebt sich in eine der Seelenlosen. In die geheimnisvolle Noir, die bereits auf der Schwelle zum Jenseits steht ...“  Quelle: rowohlt.de

Bei diesem Klappentext erwarte ich, dass der Fokus auf Nino und auf seiner Gabe liegt. Er muss lernen, mit diesem Wissen umzugehen. Diesen Konflikt bewältigen. Erzähle ich den Menschen, wann sie sterben werden? Versuche ich womöglich, sie zu warnen? Und was kann ich machen, um mich zu überlisten? Ich hätte mir gewünscht, dass dieser Wettlauf gegen die Zeit mehr beschrieben wird. SPOILER: Schon ungefähr bei der Hälfte des Buches verstreicht sein Geburtstag und es passiert eigentlich nichts.SPOILER ENDE Und dann wäre da noch dieser geheime Zirkel von Mentoren. Während dem Lesen habe ich diesen geheimen Zirkel nicht als solchen wahrgenommen, für mich wurde er immer nur durch diese eine einzige Person dargestellt. Die Tätigkeit der Mentoren wurde für mich zu wenig und zu unglaubwürdig für den Leser dargestellt.
Und am wichtigsten ist natürlich die Liebe zu der Seelenlosen. Hier hat mich der Roman am meisten enttäuscht. Es werden immer wieder Kapitel mit dieser Liebe eingeworfen, aber auf die Seelenlosen an sich wird zu wenig eingegangen. Dabei steckt in dieser Überlegung zusammen mit Ninos Gabe so unglaublich viel Potential.

Kleine Anmerkung am Rande: So sehr das hier auch negativ klingt, das Buch an sich ist nicht schlecht. Es ist sehr poetisch und ich liebe den Schreibstil. Aber hier analysiere ich nur, was ich erwartet und was ich im Endeffekt bekommen habe. Nicht mehr und nicht weniger.

WEN DER RABE RUFT – Maggie Stiefvater
„Jedes Jahr im April empfängt Blue die Seelen derer, die bald sterben werden, auf dem verwitterten Kirchhof außerhalb ihrer Stadt. Bisher konnte sie sie nur spüren, nie sehen – bis in diesem Jahr plötzlich der Geist eines Jungen aus dem Dunkel auftaucht. Sein Name lautet Gansey, und dass Blue ihn sieht, bedeutet, dass sie der Grund für seinen nahen Tod sein wird. 
Seit Blue sich erinnern kann, lebt sie mit der Weissagung, dass sie ihre wahre Liebe durch einen Kuss töten wird. Ist damit etwa Gansey gemeint?“ Quelle: script5.de

Ich habe mir folgendes Szenario vorgestellt: Blue geht immer wieder auf den Friedhof, irgendwann sieht sie diesen Jungen. Die folgende Handlung wird auf ihrer Beziehung zu dem Jungen aufbauen und darauf, ihre Gefühle zu unterdrücken und gemäß der Weissagung zu leben. Immer mit dem Wissen, dass es sich nicht um Gansey handeln könnte sondern dass sie einem anderen Jungen den Tod bringt.
Hier habe ich vollkommen daneben gelegen. Es geht weniger um die Liebe und um diesen „Fluch“, sondern um Rätsel. Das ganze wird in einen größeren Kontext gestellt und plötzlich macht sich eine Gruppe von Jungen gemeinsam mit Blue auf die Suche nach magischen Linien. Die Handlung droht ins Genre Krimi abzudriften und dieser Eindruck bleibt das ganze Buch über haften. Auf den Fluch wird unerwarteter Weise sehr wenig eingegangen. Er wird immer mal wieder erwähnt, es kann allerdings auch sein, dass sich das in den folgenden Büchern noch ändern. SPOILER: Wobei ich das kaum glaube, da sie sich im ersten Band in Adam, einen Freund Ganseys, verliebt und auch hier denkt sie nur hin und wieder daran, dass ihre Lippen anscheinend den Tod bringen. Auch auf den Konflikt, ob Gansey oder Adam gemeint ist, wird zu wenig angesprochen.SPOILER ENDE Der Roman wird immer wieder aus Ganseys Sicht erzählt, was an sich nicht schlecht ist. Aber sobald das der Fall ist, geht der Roman sofort komplett vom Klappentext weg und erzählt eine vollkommen andere Geschichte. Schade, da man aufgrund des Klappentextes eine fantasy-angehauchte, düstere Liebesgeschichte erwartet. Was man bekommt, ist das genaue Gegenteil.

The Raven Boys (engl. Klappentext): 
“Every year, Blue Sargent stands next to her clairvoyant mother as the soon-to-be dead walk past. Blue never sees them--until this year, when a boy emerges from the dark and speaks to her.
His name is Gansey, a rich student at Aglionby, the local private school. Blue has a policy of staying away from Aglionby boys. Known as Raven Boys, they can only mean trouble.
But Blue is drawn to Gansey, in a way she can't entirely explain. He is on a quest that has encompassed three other Raven Boys: Adam, the scholarship student who resents the privilege around him; Ronan, the fierce soul whose emotions range from anger to despair; and Noah, the taciturn watcher who notices many things but says very little.
For as long as she can remember, Blue has been warned that she will cause her true love to die. She doesn't believe in true love, and never thought this would be a problem. But as her life becomes caught up in the strange and sinister world of the Raven Boys, she's not so sure anymore.” Quelle: scholastic.com

Zunächst einmal fällt auf, dass der Klappentext um einiges umfangreicher ist. Er beginnt und endet ähnlich, aber der Mittelteil gibt zumindest einen kleinen Hinweis darauf, dass es nicht nur um diesen Konflikt und eine Liebesgeschichte geht. Mir persönlich gefällt er viel besser, da ich mehr Informationen bekomme und nicht in die Irre geführt werde.

Was bedeutet das jetzt?
Klappentexte sind wichtig. Aber oberste Priorität sollte sein, den Leser nicht zu verwirren, ihm nichts vorzugaukeln. Er liest ein Buch, weil ihn das Thema interessiert. Wenn das eigentliche, im Klappentext erwähnte Thema, nur wenig im Buch behandelt wird, ist er enttäuscht und überlegt es sich zweimal, ob er noch einmal Bücher dieses Autors aufgrund ihrer Klappentexte liest.
Ich weiß, wie schwierig es ist, einen guten Klappentext zu verfassen. Aber egal ob Selfpublisher oder Verlagsautoren, sie wollen, dass ihr Buch gelesen wird. Da hilft es leider, Erwartungen zu schüren und den Leser durch Romanzen oder immer wiederkehrende Themen anzusprechen. Das ist jedoch nicht Sinn des Klappentextes. Er soll vermitteln, um was es in dem Roman geht. Nicht mehr und nicht weniger.

Bei den oben genannten Titeln fiel mir auch das Lesen schwerer, da ich immer gehofft habe, dass eventuell doch noch ein erwarteter Aspekt vorkommt. Nichts desto trotz sind die Bücher lesenswert, auch wenn sie andere Themen behandeln als erwartet.

Wie steht ihr zu dem Thema? Ist es euch auch schon einmal passiert, dass euch Klappentexte in die Irre geführt haben?  


1 Kommentar:

  1. Ich weiß, was du meinst: Mir ist solch ein Klappentext auch bei Jeffrey Archers "Spiel der Zeit" untergekommen.
    "England um 1930: Der junge Harry Clifton wächst an den Hafendocks von Bristol heran, seine Mutter Maisie muss sich mit harter Arbeit durchschlagen. Um den Tod von Harrys Vater, der angeblich im Krieg gefallen ist, rankt sich ein Geheimnis. Harrys Leben nimmt eine Wendung, als er das Stipendium für eine Eliteschule erhält. Er tritt ein in die Welt der Reichen und lernt Giles Barrington sowie dessen Schwester Emma kennen, Erben einer Schifffahrts- Dynastie. Harry verliebt sich in Emma, ohne zu ahnen, dass die Schicksale ihrer Familien auf tragische Weise miteinander verknüpft sind ..."
    ACHTUNG SPOILER:
    Klingt ja schön und gut, doch der komplette Emma-Harry-Handlungsstrang wird erst im letzten Drittel des Buches begonnen, davor ist nur schnödes Erzählen aus Harrys Leben. Der KT macht einem, zumindest mir, allerdings deutlich, dass direkt in Harrys Leben mit dem Stipendium angefangen wird und nicht erst auf Seite 256 oder so. War sehr enttäuscht...

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