Sonntag, 22. Januar 2017

Hinter dem Spiegel

Alex Knight // Unsplash.com

Ich sehe euch.
Ich sehe euch alle.

Das kleine Mädchen, das eine Blume im Haar trägt und im Garten spielt. Den alten Mann, der im Sterben liegt und seinem Sohn die letzten Worte zumurmelt. Sein Gesicht ist von Falten durchzogen und ich habe mich schon oft gewünscht, sie zu berühren. Aber sobald ich meine Hände ausstrecke, oder das, was ihr als Hände bezeichnen würdet, ertaste ich nur eine glatte Glasfläche.
Du fragst dich jetzt sicherlich, wer ich bin. Ich muss dich leider enttäuschen: mein Name tut nichts zur Sache. Es würde dir nicht helfen, ihn zu kennen.
Wichtig ist nur, dass ich euch schon lange beobachte.

Ich sehe das Leid in eurer Welt. Wenn ihr euch eurer eigenen Sterblichkeit bewusst werdet, weil ihr einen geliebten Menschen verliert. Die Angst vor dem Tod. Die Verzweiflung, wenn ihr vom Leben überwältigt werdet und nicht wisst, was ihr tun sollt. Wenn ihr vor Entscheidungen steht, bei denen es kein richtig oder falsch gibt.
Kriege. Hungernöte. Naturkatastrophen.
Hass.
Ihr raubt. Ihr mordet. Ihr lügt einander an. Seid nur auf den eigenen Vorteil aus.
Aber ihr habt auch eine andere Seite.
Ich sehe genauso das Glück in eurer Welt.
Ihr kümmert euch umeinander. Helft denen, die Hilfe brauchen. Erschafft Leben. Kreiert neue Dinge. Seid kreativ.

Ihr seid sterblich. Ihr habt nur eine gewisse Zeit zur Verfügung und doch seid ihr glücklich. Weil ihr den Moment genießt. Weil ihr versucht, die Zeit zu nutzen.

Ich sehe das Mädchen, das aus dem Haus geht. Auch wenn ich ihre Gedanken, ihr Innerstes nicht kenne, weiß ich, dass sie sich unwohl fühlt. Sie hat die Kapuze hochgezogen, die Tasche an ihre Seite gepresst und den Blick gesenkt. Ich möchte sie berühren, ihr Kinn anheben, sodass ich ihr Gesicht sehen kann, aber als ich die Hand ausstrecke, berühre ich nur den Spiegel.
Sie bleibt stehen, eine zweite Person kommt auf sie zu, umarmt sie. Und da ist es: Ihr Gesicht. Sie lacht, aber das Lachen erreicht ihre Augen nicht. Sie gestikuliert, öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Ich kann die Worte nicht verstehen. Ihr Gegenüber lächelt ebenfalls, es sieht gezwungen aus. Unnatürlich.
Wer die beiden wohl sind?

Ich habe genug gesehen, wische über die glatte Oberfläche und eure Welt verschwindet.
Ich versuche, mich auf mein eigenes Spiegelbild zu fixieren, aber es verschwimmt. Es ist mir nicht bestimmt, zu sehen, wer ich bin. Ihr wisst, wer ihr seid. Ihr entwickelt euch zu dem, was immer schon in eurem Wesen, tief in eurem Inneren gewohnt hat.

Ich bin nur das Nichts, das Augen und Ohren besitzt.

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