Sonntag, 26. Februar 2017

Ein Hauch von Zimt

Unsplash.com // Andrew Neel
Sie schreitet durch die Dunkelheit, der Saum des hellen Kleides wird von Dornen durchstochen. Ihre Arme liegen locker an beiden Seiten ihres Körpers, streichen hin und wieder durch das helle Haar. Zweige und Äste machen Platz, sobald sie die Gestalt erblicken, welche sich ihren Weg durch das Dickicht bahnt. Ich folge ihr schon lange, und doch erkenne ich jetzt erst das filigrane Instrument, das sie in der linken Hand hält. Eine Geige.
Für einen kurzen Moment bleibt sie stehen und sieht sich um, ich verharre ebenfalls in meiner Position. Ich sehe ihr Gesicht nicht, kann mir aber vorstellen, dass ein Lächeln ihre Lippen umspielt. Ein grausames Lächeln.

Mit langsamen Schritten geht sie weiter, ich achte penibel darauf, nicht auf die Zweige zu treten, die auf dem Trampelpfad liegen. Noch hat sie mich nicht bemerkt.
Das Mondlicht beleuchtet die knorrigen Äste der Eichen, die sich zu beiden Seiten befinden und eine Art Allee bilden. Wir sind bald da. Ich trete aus dem Schatten des Dickichts und husche von Baum zu Baum, drücke mich an die harte Rinde. Ich nehme ihren Geruch wahr, schließe die Augen. Sauge ihn ein. Erinnere mich an unsere gemeinsame Zeit. Als ich die Augen wieder öffne, ist der Abstand zwischen uns gewachsen. Sie wird schneller, scheint es kaum noch erwarten zu können. Als die Bäume sich lichten, erkenne ich einen Lichtschimmer. Eine Art Nebel, durch den Licht dringt. Erst, als sie fast damit verschmilzt, verlasse ich meine Deckung und beginne zu rennen. Der Nebel wird immer dichter, breitet sich aus. Gerade noch rechtzeitig erreiche ich das Licht und strecke meine Hand danach aus. Spüre sofort die Wärme, die mich erfasst. Es ist, als ob mein Körper auseinandergerissen wird, in seine einzelnen Partikel. Als ob sich Seele und Körper spalten, ich nicht mehr denken kann. Nicht mehr fühlen. Erst, als meine Füße auf hartem Asphalt Halt finden, werde ich wieder zusammengesetzt. Seele und Körper ergänzen sich und ich bin wieder ich.

Mit einer schnellen Bewegung streiche ich mir den Staub von der dunklen Kleidung, sehe dann auf. Erkenne ihre Gestalt, die sich nur wenige Meter vor mir befindet. Sie hat ihr Gesicht mir zugewendet, ich sehe zum ersten Mal die Spuren der Krankheit auf ihrer Haut: Schwarze Striche, die in einem scheinbar unregelmäßigen Muster angeordnet sind und sich von ihren Augen über die Nase ziehen. Eine Landkarte ihres Weges, den sie schon zurückgelegt hat. Mit jedem Strich, der hinzukommt, nimmt ihre Wut zu. Ihre Raserei. Und ich kann nichts dagegen tun.
„Wieso folgst du mir?“ Ihre Stimme schneidet durch die Luft, sie hat die Geige erhoben. Erstaunlicherweise habe ich keine Angst. Ich habe sie so lange verfolgt, sie so lange begleitet, dass sie fast zu einer Freundin geworden ist.
„Ich möchte dir helfen.“ Die Worte kommen über meine Lippen, bevor ich überhaupt nachgedacht habe. Sie verklingen und lassen Stille zurück. Ihre Hände verkrampfen und ich erkenne, wie sich ein leuchtender Bogen formt, ein Bogen, der die Macht besitzt, ganze Völker zu unterwerfen. Wenn sie ihn an das Instrument setzt und einen einzigen Ton spielt, bin ich verloren. Aber nichts passiert. Nur undeutlich kann ich sehen, wie sich ein weiterer Strich auf ihrem Gesicht formt, die Lücke zwischen zwei anderen Strichen schließt. Sie scheint hin und hergerissen, legt dann den Kopf in den Nacken. Fixiert mich Sekunden später erneut.

„Du kannst mich nicht retten. Niemand kann mich retten.“ Es klingt verbittert. Als sie die Geige noch höher hebt, sie auf ihre Schulter legt, klimpern die Goldreife an ihren Armen. „Wir teilen das gleiche Schicksal. Ich bin ihm entflohen, kann meinen eigenen Weg gehen. Aber du stehst noch in seinem Bann.“ Ich habe nicht mehr viel Zeit. Sie stößt ein kurzes Lachen aus, einen hohen Laut, der mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. „Siehst du nicht, dass auch du deinem Schicksal folgst? Dein Schicksal ist es, hier zu stehen. Dich mir zu stellen. Wir beide sind gefangen und werden niemals frei sein.“ Das helle Haar scheint eine Nuance dunkler zu werden, wird schließlich von dunklen Strähnen durchzogen. „Es tut mir leid.“

Bevor ich sie daran hindern kann, setzt sie den Bogen aus Licht an die Saiten. Diese beginnen zu schwingen und der Ton wird immer lauter, vereinnahmt mich. Meine Gedanken verschwinden, ebenso wie meine Erinnerungen. Ich sinke auf meine Knie, bedecke meine Ohren mit den Handflächen, schließe die Augen. Kneife sie so fest zusammen, dass es schmerzt.
Als ich sie nach einer Unendlichkeit wieder öffne, bin ich allein. Ich sitze in der Mitte eines kreisrunden Platzes, von dem unzählige Wege abgehen. Langsam stehe ich auf, drehe mich einmal um die eigene Achse.

Ich laufe einige Schritte nach vorne, bleibe dann stehen. Hebe die Hand, stoße aber auf keinen Widerstand. Niemand ist hier. Und doch habe ich das Gefühl, etwas verloren zu haben. Jemanden verloren zu haben. Eine Freundin. Immer, wenn ich den Gedanken fassen möchte, verblasst er ein wenig mehr. Sie. Eine Gestalt, die sich vor meinen Augen formt. Undeutlich, schemenhaft. Sie ist Vergangenheit. Von allen vergessen. Und alles, was mir bleibt, ist ihr Geruch. Ein Geruch, den ich auch jetzt rieche. Ein Hauch von Zimt.

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