Sonntag, 12. Februar 2017

Studie einer Lesenden

Unsplash.com // Mariana Vusiatytska
Sie sitzt auf der Parkbank, die Kapuze zurückgeschlagen, den Rucksack auf dem Boden abgestellt. Um den roten Stoff herum befindet sich eine Pfütze vom letzten Regenschauer. Ihr Rücken ist gebeugt, der Kopf nach unten gerichtet. Mit den Augen fixiert sie das Buch, das sie in einer Hand hält. Der Daumen drückt die Seiten auf, die übrigen Finger halten den Buchrücken fest. Ihre Fingerknöchel treten weißlich hervor, sie nimmt jetzt die andere Hand dazu, um eine Seite umzublättern. Langsam, fast zärtlich. Als sie von einem Windstoß erfasst wird, schlägt sie das Buch schnell zu, nur der Daumen verbleibt auf seiner Position. Ein kurzer Blick nach oben, in den Himmel, ihre Augenbrauen ziehen sich zusammen, die Lippen sind zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Der Wind verschwindet und ihre Schultern senken sich wieder. 

Sie öffnet das Buch erneut, hält es dieses Mal mit beiden Händen. Die rot lackierten Fingernägel heben sich von dem dunklen Bucheinband ab, an ihrem rechten Zeigefinger befindet sich ein goldener Knöchelring.
Sie verlagert ihr Gewicht, schlägt das rechte Bein über das linke und lehnt sich hinten an der Parkbank an. Ihre Augen huschen über die Zeilen, sie blättert eine Seite weiter. Streicht sich nur wenige Sekunden später mit der gleichen Hand durch das Haar, um eine Strähne aus ihrem Gesicht zu wischen. Das Buch wird nur noch von ihrer linken Hand gehalten, da sind sie wieder, die weißen Fingerknöchel. 
Sie beißt sich auf die Lippe, hat den Mund leicht geöffnet. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht ist nicht zu deuten, ihre Züge scheinen aus Marmor zu sein, versteinert. Eine weitere Seite, die umgeblättert wird. Ein Lächeln, das die Spannung aus ihrem Gesicht vertreibt. Kleine Falten bilden sich um ihre Mundwinkel und sie blättert zurück, dann wieder zur vorherigen Stelle. 
Sie atmet tief durch, krempelt dann die Bluse an ihrem linken Arm nach oben. Wirft einen kurzer Blick auf die Uhr.

Jetzt geht alles ganz schnell. Das Buch wird zugeschlagen, aber nicht, bevor sie das schwarze Lesebändchen in die Seite gelegt hat. Mit einer schnellen Bewegung nimmt sie die Tasche auf den Schoß, bemerkt, dass die Unterseite nass ist und stößt einen Fluch aus. Verstaut das Buch darin, schließt den Reißverschluss. Steht auf, schultert den Rucksack. Auf ihrem Rock ist ein dunkler Fleck zu sehen, das Wasser vom Boden. Sie überlegt es sich anders, schlüpft aus der dunklen Jacke, bindet sie sich um die Hüfte und beginnt zu rennen. 
An mir vorbei, ohne mich wahrzunehmen. Der Blick verträumt, der Kopf noch gefangen in der Geschichte.

Kommentare:

  1. Huhu!

    Eine sehr schöne Studie, ich konnte die Szene wirklich vor mir sehen. Und welche Leserin hat so etwas nicht schon selbst erlebt! Mir könnte es definitiv auch passieren, dass ich so vertieft bin, dass ich gar nicht mitbekomme, dass mein Rucksack gerade eine Runde schwimmt...

    LG,
    Mikka

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    1. Hallo Mikka,
      vielen lieben Dank! Wenn man das richtige Buch dabei hat, kann das definitiv passieren :) Sobald ich zwischen die Zeilen versunken bin, nehme ich absolut gar nichts mehr wahr :)

      Liebe Grüße
      Sophia

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