Sonntag, 9. April 2017

Eine Tasche voller Zweifel

Unsplash.com // Derick Anies

Er sitzt im Schatten des Torbogens, spürt die Kälte der Steine durch seine Hose hindurch. Mit einer Hand hält er die Tasche umklammert, die Tasche, die er schon so lange mit sich herumträgt. Seine Finger ertasten das verworrene Muster, das in den Stoff eingewebt ist, er fährt die Linien nach. Fühlt sich sofort wieder zurückversetzt an den Tag, an dem er sie das erste Mal nutzte.
Menschen gehen an ihm vorüber, beachten ihn nicht. Er weiß, dass er nur diese eine Chance hat, und doch zögert er. Weiß nicht, ob er sich von ihr trennen kann.
Noch nicht.
Schließlich gibt er sich einen Ruck und steht auf. Schlurft aus dem Schatten, sein schlechtes Bein hinter sich herziehend. Dort, am Brunnen, ist der perfekte Platz. Seine dürre Gestalt schiebt sich durch die Menschenmenge, er achtet penibel darauf, keinen der anderen zu berühren. Hält den Blick gesenkt, möchte sie nicht ansehen. Nicht ihren Duft riechen, das Parfum, das den Gestank überdecken soll. Seine Finger graben sich in den Stoff, nur noch wenige Meter. Als er den Brunnen erreicht hat und sich auf den Rand setzt, spürt er die feinen Wassertropfen auf seinem Gesicht. Erfrischend, aber kalt. Sein Herz verkrampft sich, während er die Tasche vor sich auf den Boden stellt. Sie anstarrt.
Tue ich das Richtige?

Der Gedanke überkommt ihn so plötzlich, dass er sich zusammenkrümmt. Nur für einen kurzen Moment, aber dieser Moment reicht, um zu sehen, dass andere ihn beobachten. Bisher war er so sehr auf seine Tasche fixiert gewesen, dass er es nicht wahrgenommen hat. Renn weg. Eine fremde Stimme in seinem Kopf. Ein Befehl, dem er folgt. Seine Hände lassen die Tasche los und er geht den selben Weg zurück, den er gekommen ist. Spürt bei jedem Schritt, wie die Last mehr und mehr von seinen Schultern genommen wird. Als er sich wieder unter den Torbogen setzt, fühlt er sich befreit. Kann freier atmen. Ein leichtes Lächeln umspielt seine Mundwinkel, er blendet alles um sich herum aus, konzentriert sich nur auf sein Inneres. Leere. Aber eine angenehme Leere.
Hoffnungsvoll schlägt er die Augen auf, sein Blick irrt zwischen den Menschen hin und her, bevor er an der Tasche hängenbleibt. Seiner Tasche. Noch.
Er verschränkt die Arme vor der Brust und wartet. Die Sonne geht langsam unter, ihre Strahlen erreichen den Platz nicht mehr, tauchen ihn in dämmriges Licht. Kaum jemand ist unterwegs, hin und wieder dringt Gelächter an sein Ohr. Er beachtet es nicht, konzentriert sich ganz auf den Gegenstand, der da am Brunnen liegt. Mit jeder Minute, die verstreicht, kriecht die Kälte tiefer in seine Knochen, vereinnahmt ihn. Sein Geist wird immer schwerer, sein Herz jedoch ist leicht. Leichter als zuvor.
Bevor die Kälte sein Gesicht erreicht, nimmt er eine Bewegung wahr. Ein Schatten, der aus der Dunkelheit kommt und auf den Brunnen zugeht. Nein, nicht auf den Brunnen. Auf die Tasche.
Die Müdigkeit wird von Aufregung verdrängt, er verschränkt seine Hände ineinander. Damit sie nicht zittern. Der Brunnen wird von einer einzigen Laterne erhellt, als der Schatten darunter hindurchhuscht, sieht er dessen Gesicht. Sein Herz gefriert. Ein Kind.

Er möchte aufspringen, möchte etwas rufen, eine Warnung, aber sein Körper gehorcht ihm nicht mehr. Tränen der Wut rinnen über seine runzeligen Wangen. Ausgerechnet ein Kind. Auch er war ein Kind, als er die Tasche bekommen hatte. Weil er es nicht besser wusste. Weil der Hunger ihn wahnsinnig machte.
Das Kind schleicht um den Brunnen herum, hält ein wenig Abstand zu der Tasche. Als ob von ihr etwas Böses ausginge. Dann jedoch kann es der Versuchung nicht widerstehen, setzt sich an den Brunnenrand, wie auch er zuvor. Umschließt die Tasche mit beiden Händen. Fährt mit den Fingerspitzen über die Muster. Er muss die Bewegungen nicht sehen, kann sie erahnen. Er schließt die Augen, atmet tief ein. Und aus.
Als er die Augen wieder öffnet, ist das Kind verschwunden.
Die Tasche voller Zweifel hat seinen neuen Besitzer gefunden.

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