Sonntag, 30. April 2017

Sternentheater

Diego Hernandez // Unsplash.com

Ihre Finger ertasteten das Gras unter sich, sie seufzte leise. Ein kurzer Moment des Wartens, dann öffnete sie die Augen.
Es war das erste Mal seit Langem, dass sie sich hier befand. Draußen, umgeben von nichts als Natur. Keine Wände, die sie einengten, keine Menschen, die ihr alles abverlangten. Nur Stille. Und der Nachthimmel, dessen Sterne über ihr thronten.
Ihr Blick glitt über die Sternbilder, sie begrüßte jeden einzelnen hellen Punkt mit einem leichten Nicken. Eine zeitintensive Aufgabe, die jedoch obligatorisch war. Sonst würde es sich so anfühlen, als sei sie an ihren Freunden vorbeigegangen, ohne sie zu beachten. Als sie ihren Kopf senkte und für einen Augenblick die Dunkelheit um sich herum wahrnahm, lief ihr ein Schauer über den Rücken. Doch sie liebte die Sterne zu sehr, um die Nacht zu fürchten.

Still lag sie da, lauschte in die Stille hinein, die Augen auf den Himmel fixiert. Eine kaum wahrnehmbare Bewegung am Rande ihres Blickfelds, die ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie drehte den Kopf, konnte gerade noch die erste Sternschnuppe erhaschen, die sich ihren Weg durch die Dunkelheit suchte, einen Schweif aus Staub hinter sich herziehend. Wünsch dir was.
Die Worte drangen an ihr Ohr und obwohl sie wusste, dass sie ganz allein war, verkrampften sich ihre Hände. Ihr Herz, das eben noch so leicht wie eine Feder war, wurde von Schwermut erfasst, der erst verging, als eine zweite Sternschnuppe den Himmel erleuchtete. Sie sah erneut nach oben, verlor sich in dem Anblick. Immer mehr Sterne begannen, sich zu bewegen. Zu tanzen, als ob sie noch nie etwas anderes getan hätten. Langsame Bewegungen, die immer schneller wurden. Kreise, Gesichter. Menschen, die sie einmal gekannt hatte. Silhouetten von Personen, die sie bewunderte. Die Sterne verdichteten sich zu einem Haufen und sie spürte plötzlich die Bedrohung, die von ihm auszugehen schien. Eine Bedrohung, die sie zuvor nicht wahrgenommen hatte. Der Tanz stoppte erst, als sie ihre Hand zum Himmel streckte. Mitten in der Bewegung hielten die Lichter inne, als wäre sie ihre Dirigentin. Es war Zeit, zurückzugehen.
Ihre filigranen Finger bewegten sich nur leicht, doch die Sterne gehorchten sofort, verließen ihren Platz am Himmel und strömten auf ihre Haut, suchten sich eine der leeren Stellen, die es zu füllen galt. Sie spürte nicht mehr als ein Kribbeln, während auch der hellste Stern sich ihrer Bitte fügte und zu ihr kam, die Leere auf der Mitte ihrer Stirn füllte. Mit langsamen, fast vorsichtigen Bewegungen erhob sie sich, fixierte die ersten Sonnenstrahlen am Horizont, die langsam aus ihrem Käfig gekrochen kamen. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, sie strich für einen Augenblick gedankenverloren über ihre mit Sternen bedeckten Arme. Ein weiterer unerfüllter Wunsch. Sie konnte es nicht ändern. Drehte sich um die eigene Achse und verschwand.
Das Sternentheater war zu Ende.

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